Bei Mantel im Landkreis Neustadt a. d. Waldnaab entsteht mehr als eine neue Straßenführung. Dort arbeiten Bauherr und Baufirma erstmals konsequent auf einer gemeinsamen Plattform – von der Vermessung bis zur Bauüberwachung. Und dahinter stehen Menschen, die das so gewollt haben
Das Projekt
Das Staatliche Bauamt Amberg-Sulzbach verlegt die Kreisstraße NEW 21 aus dem Ortskern des Marktes Mantel heraus. Herzstück der Maßnahme ist ein neuer Kreisverkehr mit seinen Anschlussästen. Hinzu kommen ein Straßendamm in Richtung Haidenaab, eine Linksabbiegespur an der Staatsstraße 2166, neue Entwässerungseinrichtungen, die Verlegung des Hohlbachs und die Verlängerung eines bestehenden Wellstahlrohres.
Fachlich anspruchsvoll wird das Projekt durch seine Randbedingungen: eine baubegleitende Kampfmittelsondierung mit lagenweisem Aushub, das Bauen im Hochwassergefahrenbereich der Haidenaab einschließlich der Herstellung eines Retentionsraums sowie naturschutzfachliche Vorgaben von der Sodenverpflanzung bis zur Amphibienleiteinrichtung. Dazu kommen Vollsperrungsphasen, Anliegerbetriebe mit durchgehendem Zufahrtsbedarf und mehrere parallel tätige Gewerke.
Jede dieser Randbedingungen bringt Abhängigkeiten mit sich, die im Bauablauf berücksichtigt und koordiniert werden müssen. Und gerade bei solchen Abhängigkeiten liegt die Herausforderung im Tiefbau selten allein in der technischen Umsetzung. Entscheidend ist auch, dass die richtigen Informationen zur richtigen Zeit bei den richtigen Beteiligten ankommen. Denn Probleme entstehen schnell, wenn Informationen zu spät weitergegeben werden, in der falschen Version vorliegen oder in einem Postfach liegen, in das gerade niemand schaut.

Die Entscheidung des Bauherrn
Genau hier setzt das Staatliche Bauamt Amberg-Sulzbach an. Für dieses Projekt hat es Infrakit als Common Data Environment (CDE) und gemeinsame Ausführungsplattform festgelegt und sich selbst ebenfalls Zugang verschafft. Bauherr und Baufirma arbeiten damit auf demselben Datenstand, statt sich mit zwei getrennten Wahrheiten in der Baubesprechung zu treffen.
Bemerkenswert ist dabei nicht die Software, sondern der Ansatz. Eine CDE wird in Deutschland häufig als Ablage für Planfreigaben verstanden, als eine Art digitaler Aktenschrank für die Planungsphase. Hier geht es jedoch um die Ausführung: um Bautagesberichte, Fotodokumentation, Aufmaße, Mengen, Prüfprotokolle und Qualitätsnachweise. Um das, was täglich auf der Baustelle entsteht.
Das ist die richtige Schlussfolgerung. Denn die Ausführungsphase ist die eigentliche Datenphase eines Infrastrukturprojekts. Hier entstehen Mengen und Nachweise, hier werden Abweichungen sichtbar und Kosten konkret. Diese Informationen direkt im laufenden Bauprozess zu erfassen, schafft die Grundlage für eine nachvollziehbare Dokumentation. Wer erst danach dokumentiert, dokumentiert Erinnerungen.
Dazu gehören immer zwei Seiten
Doch die Entscheidung des Bauherrn allein reicht nicht. Den Auftrag hat die Josef Rädlinger Unternehmensgruppe gewonnen und die Kollegen ziehen mit. Infrakit wird nicht nur formal als Anforderung erfüllt, sondern im Projektalltag tatsächlich genutzt: vom Polier auf der Baustelle über die Vermessung und die Bauüberwachung bis zur Projektleitung.
Das ist ein Punkt, der in der Digitalisierungsdebatte gern untergeht. Eine Plattform, die der Bauherr vorgibt und die das ausführende Unternehmen nur als zusätzliche Anforderung betrachtet, erzeugt vor allem Mehraufwand. Eine Plattform, die beide Seiten nutzen wollen, kann dagegen Abläufe beschleunigen. Dass ein erfahrenes Bauunternehmen offen in einen neuen Ansatz geht, statt auf eingespielte Routinen zu verweisen, ist alles andere als selbstverständlich. Und es ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der gemeinsame digitale Ansatz in der Praxis funktioniert.
Was auf dem Projekt konkret genutzt wird
Wie diese gemeinsame Arbeitsweise im Baustellenalltag aussieht, zeigt sich bei der konkreten Nutzung. Der Einstieg ist für alle Beteiligten derselbe: eine gemeinsame, kartenbasierte Oberfläche. Alles hat einen Ort und darüber findet man es wieder.
Verortete Pläne und Modelle. Der Polier öffnet auf dem Tablet den Bereich, in dem er gerade steht, und sieht den aktuellen Planstand. Keine Frage mehr, ob der Ausdruck im Baucontainer noch der gültige ist.
Digitale Bautagesberichte. Sie entstehen dort, wo die Leistung erbracht wird, und sind unmittelbar verfügbar, nicht erst nach dem Abtippen am Abend. Für die Bauüberwachung heißt das: Sie kann nachvollziehen, was auf der Baustelle passiert ist, ohne die Informationen erst anfragen zu müssen.
Fotodokumentation mit Ort und Zeitstempel. Bei einem Projekt mit lagenweisem Aushub unter Kampfmittelsondierung, Beweissicherung an Zufahrtswegen und Nachweispflichten zum Zustand von Bereitstellungsflächen ist das kein Komfortthema, sondern eine Absicherung für beide Vertragsparteien.
Drohnenbefliegungen für die Mengenermittlung. Regelmäßige Befliegungen liefern Orthofotos und ein aktuelles Geländemodell. Daraus lassen sich Schüttmengen, Aushub und der Fortschritt am Damm oder am Retentionsraum ableiten und dem Sollmodell gegenüberstellen. Statt geschätzter Zwischenstände gibt es einen gemessenen Stand, der für alle Beteiligten gleichzeitig sichtbar ist.
Einbezug der Vermessung. Aufmaß- und Punktdaten aus dem Feld landen in derselben Umgebung wie Pläne, Modelle und Baustellendokumentation. Damit arbeiten alle auf einem verbindlichen Bezugssystem und einem gemeinsamen Datenstand, ohne Versionsdiskussionen über E-Mail-Anhänge.
Filtern nach Datum, Bauabschnitt und Schlagwort. Das ist im Alltag oft der größte Hebel. Die Frage „Was ist in diesem Bereich in der Woche X passiert und welche Fotos, Berichte und Aufmaße gehören dazu?“ wird damit zu einer Sache von Sekunden statt Stunden. Bei Abrechnung, Nachtragsprüfung oder der Klärung von Behinderungen entscheidet genau das über den Aufwand und darüber, ob aus einer offenen Frage ein Streitpunkt wird.

Nachhaltigkeit ist manchmal ein Ameisenhaufen
Wie wichtig diese gemeinsame Datengrundlage in der Praxis ist, zeigt sich besonders dann, wenn auf der Baustelle etwas Ungeplantes passiert.
Wenn im Bauwesen über Nachhaltigkeit gesprochen wird, geht es fast immer um CO₂. Zu Recht, und es ist ein Feld, an dem auch wir arbeiten. Auf der Baustelle ist Nachhaltigkeit aber oft etwas viel Kleineres und Konkreteres.
Bei Mantel wurde ein Ameisenhaufen gefunden, der geschützt werden muss. Ganz unerwartet ist so ein Fund hier nicht: Die Baubeschreibung sieht bei der Sodenverpflanzung ausdrücklich vor, Ameisennester möglichst tiefgründig zu entnehmen und vollständig zu übertragen. Der Bauherr hatte das Thema also von Anfang an im Blick.
Im klassischen Ablauf beginnt an dieser Stelle schnell eine Informationskette: Der Fund wird gemeldet, am Telefon beschrieben, vielleicht fotografiert und irgendwann besichtigt. Bis alle Beteiligten dasselbe Bild haben, kann wertvolle Zeit vergehen. Und wenn später über Mehraufwand gesprochen wird, diskutiert man womöglich über Erinnerungen: Wo genau war der Fund? Ab wann war er bekannt? Wie groß war der betroffene Bereich?
Hier lief es anders. Der Fund wurde direkt auf der Karte verortet und mit Foto, Position und Datum dokumentiert. Damit war die Information unmittelbar für die Beteiligten sichtbar: für die Bauleitung, die Bauüberwachung, die Umweltbaubegleitung und den Bauherrn.

Das hat drei Effekte gleichzeitig:
- Der Naturschutz wird berücksichtigt, ohne dass die Baustelle stehen bleibt. Es ist klar, wo nicht gearbeitet wird und wo weitergebaut werden kann.
- Der Auftragnehmer hat für möglichen Mehraufwand eine saubere und nachvollziehbare Grundlage. Nicht als Druckmittel, sondern als Basis für eine sachliche Klärung.
- Der Bauherr kann später nachvollziehbar belegen, wie mit dem Fund umgegangen wurde. Bei einer Maßnahme mit Amphibienleiteinrichtung, Sodenverpflanzung und Biotopschutzzäunen ist das kein Nebenthema.
An einem Ameisenhaufen lässt sich damit besser erklären als an jeder Präsentationsfolie, worum es bei Transparenz eigentlich geht. Sie ist kein Kontrollinstrument. Sie ist der schnellste Weg zu einer gemeinsamen Entscheidung und sie schützt beide Vertragsparteien.
Der eigentliche Nutzen
Was sich am Beispiel des Ameisenhaufens im Kleinen zeigt, gilt für das gesamte Projekt: Aus einzelnen Meldungen entsteht ein durchgehendes Bild der Baustelle, nah am tatsächlichen Geschehen und für alle Beteiligten auf demselben Stand. Weniger Suchzeit, weniger Rückfragen, weniger Abstimmungsrunden, deren Ergebnisse später niemand mehr rekonstruieren kann. Entscheidungen fallen auf Datenbasis statt auf Zuruf.
Und auch die As-built-Dokumentation wird am Ende nicht zu einer zusätzlichen Aufgabe, die erst nach der Verkehrsfreigabe erledigt werden muss. Sie entsteht als Nebenprodukt der ordentlichen täglichen Arbeit.
Der Unterschied wird von Menschen gemacht
Und jetzt der Teil, der uns an diesem Projekt am meisten freut.
Nach einigen Jahren in diesem Markt sind wir zu einer klaren Überzeugung gekommen: Behörden digitalisieren keine Projekte. Firmen digitalisieren keine Projekte. Es sind einzelne Menschen, die das tun.
Es braucht jemanden, der in eine Baubeschreibung ein Kapitel schreibt, für das es keine Vorlage gibt. Jemanden, der auf der anderen Seite des Tisches nicht sofort prüft, wie sich daraus ein Nachtrag machen lässt, sondern sagt: Probieren wir es. Einen Vermesser, der seine Daten nicht als sein Eigentum betrachtet, sondern als Grundlage für alle. Einen Bauüberwacher, der bereit ist, seine gewohnten Abläufe umzustellen. Und einen Polier, der das Tablet nicht in den Baucontainer legt, weil es „vorher auch ohne ging“.
Das ist unbequem und es kostet Mut. Der Grund dafür ist strukturell: Der Aufwand entsteht heute und an einer bestimmten Stelle. Der Nutzen zeigt sich oft erst später und an anderer Stelle, bei der Abrechnung, in der Nachtragsdiskussion, im Betrieb oder beim nächsten Projekt. Wer nur für seinen eigenen Abschnitt verantwortlich ist, sieht deshalb nicht immer unmittelbar, welchen Nutzen die Veränderung an anderer Stelle schafft.
Genau deshalb braucht Veränderung im Bauwesen Wegbereiter. Menschen, die über den eigenen Zuständigkeitsbereich hinausblicken, den Nutzen für das gesamte Projekt erkennen und trotzdem bereit sind, die Veränderung voranzutreiben. Die eine Diskussion führen, für die sie erst einmal keinen Applaus bekommen. Die den ersten Schritt machen, wenn niemand sie dazu verpflichtet.
Genau solche Menschen haben wir beim Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach angetroffen. Und genau solche Menschen haben wir bei der Josef Rädlinger Unternehmensgruppe angetroffen. Auf beiden Seiten. Das ist selten und es ist ein wesentlicher Grund, warum dieser gemeinsame Ansatz in der Praxis funktioniert.
Warum wir darüber schreiben
Weil dieses Projekt zeigt, dass es geht. Nicht in einem Leuchtturmprojekt mit Sonderbudget, sondern in einer Kreisstraßenmaßnahme in der Oberpfalz: mit Kampfmittelverdacht, Hochwasserfläche, Amphibienzaun und einem Terminplan, der keine Geschenke macht.
Unser Dank gilt den Beteiligten beim Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach und dem Team von der Josef Rädlinger Unternehmensgruppe. Nicht den Institutionen, sondern den Menschen dahinter.
Wenn mehr Menschen so denken und handeln, sprechen wir in einigen Jahren nicht mehr über CDE-Anforderungen in Ausschreibungen. Dann sprechen wir darüber, wie wir früher eigentlich ohne gearbeitet haben.
Kreisstraße NEW 21, Verlegung bei Mantel | Landkreis Neustadt a. d. Waldnaab | Bauherr: Staatliches Bauamt Amberg-Sulzbach | Ausführung: Josef Rädlinger Unternehmensgruppe | CDE und Ausführungsplattform: Infrakit
