Für Tiefbauunternehmen mit mehreren parallel laufenden Baustellen zählt die Bestandsdokumentation zu den kritischsten und zugleich am häufigsten unterschätzten operativen Risiken. Die präzise Erfassung der Lage von verlegten Leitungen, Hausanschlüssen und unterirdischen Infrastrukturen – sowie die fristgerechte Übergabe dieser Informationen an den Auftraggeber – basiert auf einer Kette von Abstimmungen, die sich in der Praxis nur schwer stabil halten lässt.
Für Midali Frères, ein französisches Infrastrukturunternehmen mit Schwerpunkt im unterirdischen Leitungsbau, war die Ausgangslage klar: Der klassische Vermessungsprozess konnte mit der Dynamik der Baustellen nicht Schritt halten. Informationen waren in Fotos, Handskizzen und dem Wissen einzelner Mitarbeitender verteilt. Bestandspläne wurden unter Zeitdruck erstellt, häufig auf Basis unvollständiger Daten. Und der Vermesser – so erfahren er auch war – konnte selten genau dann vor Ort sein, wenn er gebraucht wurde.
Mit der Einführung von Infrakit wurde dieses Problem nicht durch zusätzliche Vermessungskapazitäten gelöst, sondern durch eine grundlegende Veränderung des Prozesses: Wer dokumentiert – und wann dokumentiert wird.
Die Herausforderung: Leitungen erfassen, die bereits wieder verfüllt sind
Der bisherige Prozess bei Midali Frères basierte auf einem zentralen Engpass: Ein Vermesser musste jede Baustelle physisch aufsuchen, um die verlegten Leitungen einzumessen, bevor der Graben wieder verfüllt wurde. In der Theorie entspricht dies einer etablierten Vorgehensweise im Leitungsbau. In der Praxis ließ sich dieses Modell über mehrere parallele Baustellen hinweg kaum aufrechterhalten.
„Oft war alles bereits wieder verfüllt, bevor wir jemanden auf die Baustelle schicken konnten.“
Das Problem lag nicht in der fachlichen Kompetenz, sondern in begrenzten Ressourcen im Außendienst sowie in der schwierigen Abstimmung zwischen Vermessungsterminen und dem dynamischen Baufortschritt.
Wenn der Vermesser schließlich eintraf, begann meist die Rekonstruktion der Ausführung: Bauleiter erklärten den Leitungsverlauf aus dem Gedächtnis, zeigten Fotos aus der Bauphase und ergänzten handschriftliche Skizzen um Bestandsinformationen.
Die Folgen waren erheblich. Die spätere Zusammenführung dieser fragmentierten Informationen war sehr aufwendig, der Informationsverlust ein reales Risiko, und die Erstellung belastbarer Bestandspläne für die Übergabe an den Auftraggeber war entsprechend komplex.
Die Auswirkungen gingen über die interne Effizienz hinaus: Die Verlässlichkeit der Bestandsdokumentation, die Midali Frères nach Projektabschluss übergibt, stand unmittelbar im Fokus.
Die Lösung: Dokumentation als integraler Baustellenprozess
Mit Infrakit wurde die Rolle der Dokumentation grundlegend neu definiert: Bauleiter erfassen die relevanten Daten direkt selbst – nicht nachgelagert durch eine spezialisierte Vermessungsfunktion, sondern unmittelbar während der Ausführung.
Mit einem Tablet auf der Baustelle können Bauleiter heute eigenständig Absteckungs- und Bestandsdokumentationsaufgaben im Leitungsbau durchführen. Vermessungspunkte, Fotos und Skizzen werden direkt während des Baufortschritts in der Plattform erfasst.
Für das Technische Büro hat sich die Datenverarbeitung dadurch deutlich vereinfacht: Informationen liegen in einer konsistenten, strukturierten und direkt nutzbaren Form vor, anstatt aus informellen Baustellennotizen rekonstruiert werden zu müssen. Die Dokumentation wird damit zu einem festen Bestandteil des Bauprozesses und nicht mehr zu einer nachgelagerten Aufbereitung unvollständiger Daten.
Auch die interne Kommunikation hat sich unmittelbar verändert. Vermessungspunkte, Fotodokumentationen und Skizzen stehen dem Büro in Echtzeit zur Verfügung, sodass Entscheidungen und Korrekturen aus der Ferne getroffen werden können, ohne dass ein Baustellenbesuch erforderlich ist.
Das Planmanagement wurde ebenfalls grundlegend vereinfacht: Aktuelle Pläne werden direkt in Infrakit bereitgestellt und sind für die Bauleitung sofort auf dem Tablet verfügbar. Die physische Verteilung von Zeichnungen durch das Büro entfällt.
Die tiefgreifendste Veränderung betrifft jedoch die Zusammenarbeit zwischen Büro und Baustelle. Beide arbeiten nun auf derselben, stets aktuellen digitalen Grundlage – nicht mehr auf unterschiedlichen Planständen oder anhand telefonischer Beschreibungen, sondern auf einer gemeinsamen, verbindlichen Informationsbasis in Echtzeit.
„Ich kann im Büro sein, der Bauleiter auf der Baustelle – und wir sehen exakt dieselben Informationen. Er arbeitet nicht mehr mit einem Papierplan, sondern mit einem digitalen, aktuellen Dokument, über das er Informationen direkt mit mir teilen kann.“
Diese gemeinsame Arbeitsgrundlage verändert die Art der Kommunikation grundlegend. Probleme werden schneller erkannt und gelöst, und der Kontext geht nicht mehr zwischen Büroansicht und Baustellensituation verloren.
Ergebnisse: Transparenz ohne Baustellenbesuch
Die deutlichste Veränderung im Arbeitsalltag von Midali Frères lässt sich einfach zusammenfassen: vollständige Transparenz über den Baufortschritt – ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.
„Heute wurde ein Hausanschluss hergestellt, und ich habe bereits alle Fotos und die gesamte Dokumentation. Ich weiß genau, was heute auf der Baustelle passiert ist – ohne selbst dort gewesen zu sein.“
Diese Form der unmittelbaren, nachvollziehbaren und dokumentierten Transparenz war im vorherigen Prozess nicht möglich. Heute ist sie zum Standard geworden.
Für ein Büroteam, das mehrere Baustellen parallel steuert, führt dies zu einer spürbaren Entlastung und deutlich höherem Vertrauen in die Projektdaten.
Auch die Struktur der Projektinformationen hat sich verändert. Sämtliche projektrelevanten Dokumente – Sicherheits- und Gesundheitsschutzpläne, technische Unterlagen, Verträge und Angebote – werden zentral im jeweiligen Projektordner in Infrakit abgelegt. Die frühere Fragmentierung, die die Enddokumentation aufwendig machte, entfällt.
Abgeschlossene Projekte werden archiviert und bleiben jederzeit abrufbar. Fragen zu Leitungsverläufen, technischen Spezifikationen oder Ausführungsdetails können auch nach Projektabschluss beantwortet werden – unabhängig von lokalen Speicherorten oder einzelnen Mitarbeitenden.
Insgesamt führt dies zu weniger administrativem Aufwand, höherer Datenqualität in der Bestandsdokumentation und einem deutlich kontrollierteren Prozess von der Ausführung bis zur Übergabe.
Ausblick: Skalierung eines funktionierenden Prozesses
Für Midali Frères ist der nächste Schritt klar definiert: Infrakit soll auf weitere Bauleiter ausgerollt werden, sodass die digitale Baustellendokumentation zum Standardprozess im gesamten Unternehmen wird und nicht nur einer begrenzten Gruppe vorbehalten bleibt.
Damit verändert sich auch das Verständnis von Dokumentation im Unternehmen: Sie ist nicht länger eine Spezialaufgabe der Vermessung, sondern eine Kernkompetenz jeder Bauleitung.
Wenn Bauleiter eigenständig abstecken und Bestandsdaten erfassen können und diese Informationen direkt ins Büro zurückfließen, wird der klassische Vermessungsengpass im Projektablauf weitgehend aufgelöst.
Für Infrastrukturunternehmen mit umfangreichen Portfolios im Leitungsbau ist diese Entwicklung übertragbar: Die Technologie ist vorhanden. Entscheidend ist nicht das Tool selbst, sondern die Qualität und Verlässlichkeit der Daten, die dadurch entsteht – sowie die Zeit- und Planungssicherheit, die daraus resultiert.
