Highlights
- Digitalisierung von unten nach oben: Akzeptanz und Nutzung werden auf den Baustellen aufgebaut – nicht durch Anweisung von oben.
- Infrakit als zentrale Plattform: Eine kartenbasierte Arbeitsumgebung verbindet Maschinensteuerung, Baustellendokumentation, Planung, Modelle und Zusammenarbeit.
- Messbare Projektergebnisse: Höhere Straßenqualität (durch Messungen nachgewiesen), schnellere Fertigstellung (z. B. rund ein Monat Zeitgewinn im Szeged Science Park) und bessere Koordination auf großflächigen Projekten wie Abwassernetzen.
Pioniergeist: Digitalisierung wird bewusst als Wettbewerbsvorteil verstanden.
Colas Ungarn (Teil der internationalen Colas-Gruppe) ist eine Organisation mit rund 1.000 Mitarbeitenden, die Straßenbau und -sanierung, Leitungs- und Spezialtiefbau sowie Material- und Rohstoffaktivitäten abdeckt.
Von außen wirkt „Digitalisierung“ oft wie die Einführung neuer Software. Innerhalb von Colas wird sie jedoch als unternehmensweite Fähigkeit verstanden – aufgebaut durch Gewohnheiten, Vertrauen und ein konsistentes Betriebsmodell.
„Wir sind fast Pioniere“, sagt Máté Szabó, BIM-Koordinator bei Colas, und beschreibt damit den Weg des Unternehmens im ungarischen Infrastrukturbau. „Es geht darum, Wettbewerbsvorteile zu gewinnen und die Effizienz zu steigern.“

Team bei einer Baustellenbegehung, Bildnachweis: Colas
Diese Ambition ist jedoch mit Realismus verbunden: Selbst die besten Tools bringen keinen Nutzen, wenn die Akzeptanz fehlt. Deshalb setzt Colas bewusst auf Change-Management, Schulungen und konkreten Mehrwert auf der Baustelle – damit digitale Arbeitsweisen langfristig verankert werden.
„Ich glaube daran, von unten nach oben zu arbeiten“, ergänzt Máté Szabó. „Wenn zuerst Akzeptanz entsteht, verbreitet sich das von selbst nach oben. Anordnungen von oben erzeugen oft Widerstand.“
Vom Experiment zur skalierbaren Systematik
Die Digitalisierung bei Colas Ungarn entstand nicht über Nacht. In den ersten Jahren ging es darum, zu testen, zu lernen und herauszufinden, wo digitale Arbeitsweisen tatsächlich einen Unterschied für das Unternehmen und für die Teams im Feld machen.
„Vor fünf Jahren, als die BIM-Gruppe gegründet wurde, lautete die große Frage: Wie?“, erinnert sich Dávid Kathy, BIM-Manager bei Colas. „Die ersten Jahre waren geprägt von Tests und Experimenten. So wurde die Modernisierung und Digitalisierung der Arbeitsprozesse zu einem zentralen Faktor.“
Diese Grundlage gewann an Bedeutung, als externe Rahmenbedingungen anspruchsvoller wurden – engere Margen, steigende Kosten und höhere Erwartungen der Auftraggeber. Colas benötigte wiederholbare Ansätze, um Qualität und Produktivität auch im großen Maßstab sicherzustellen.
„Wir entwickeln nicht nur Technologie, sondern auch Menschen“, so Dávid Kathy. „Unsere Strategie entsteht auf Basis von direktem Feedback.“
Warum Infrakit: „im Zentrum der Digitalisierung“
Bei der Auswahl einer Plattform für eine gemeinsame Datenumgebung (Common Data Environment) und eine modellbasierte Ausführung suchte Colas kein generisches Dokumentenarchiv, sondern eine Lösung, die auf die Realität im Bau ausgerichtet ist.
„Infrakit war vielleicht der Einzige, der uns eine wirklich umfassende Lösung bieten konnte – zugeschnitten auf die Anforderungen im Bau, für die Bauausführung“, erklärt Dávid Kathy.
Colas beschreibt Infrakit nicht als ein weiteres Tool, sondern als Plattform, die Arbeitsabläufe zwischen Büro und Baustelle miteinander verbindet.
„Im Zentrum steht Infrakit“, sagt Dávid Kathy. „Wenn Mitarbeitende hören, dass Infrakit auf einem Projekt eingesetzt wird, wissen sie: Hier arbeiten wir modellbasiert, mit Maschinensteuerung, strukturierter Dokumentation, Anforderungen an Nachunternehmer und datengestützten Abstimmungen.“
Diese zentrale Rolle unterstützte auch die Einführung: Infrakit wurde zum Signal für eine einheitliche Arbeitsweise.

Infrakit-Karte – Tolmács-Rétság-Bank, Bildnachweis: Colas
Einführungsstrategie: Vertrauen, Multiplikatoren und Lernen auf Augenhöhe
Colas erkannte früh, dass der Erfolg nicht allein von Projekten mit hohem Einsparpotenzial abhängt. Entscheidend ist, welche Personen beteiligt sind und ob sie überzeugt sind, dass neue Arbeitsweisen ihnen wirklich helfen.
„Wir haben festgestellt: Die Menschen sind der Schlüssel“, sagt Dávid Kathy. „Ich kann die besten Maschinen bringen – wenn sie nicht akzeptiert werden, funktioniert es nicht.“
Deshalb setzte Colas auf:
- Identifikation offener, engagierter Erstnutzer („Champions“)
- Unterstützung direkt auf der Baustelle statt nur aus dem Büro heraus
- Strukturierte Schulungen, die Vertrauen schaffen – nicht nur Wissen vermitteln
„Präsenz vor Ort und Unterstützung – das gibt Sicherheit, dass niemand mit der Digitalisierung allein gelassen wird“, erklärt Dávid Dörgő, BIM-Koordinator bei Colas.
Auch das heute typische Schulungsformat ist bewusst persönlich gestaltet:
„Das echte Vertrauen entsteht nach den Trainings – in den informellen Momenten“, so Dávid Dörgő über die zweitägigen BIM- und Digitalisierungsworkshops. „Es ist wichtig, nicht nur dem System zu vertrauen, sondern auch der Person, die einem sagt, dass man damit arbeiten soll.“
Veränderungen im Projektalltag: schnellere Entscheidungen, klarere Abstimmung, weniger Reibungsverluste
Über verschiedene Rollen hinweg – von Planung und BIM bis zu Polieren und Bauleitern – wird derselbe Effekt beschrieben: unmittelbarer Zugriff auf aktuelle Projektinformationen in einer gemeinsamen Kartenumgebung.
„Die Kommunikation zwischen Baustelle und Büro verbessert sich deutlich“, sagt Dávid Dörgő. Schneller Zugriff auf Bilder und aktuelle Daten erhöht das Situationsbewusstsein.
Das Alterra Team (aus Baustellensicht) fasst die Auswirkungen treffend zusammen: „Das Baustellenpersonal erhält unmittelbaren Zugriff auf Planungsdaten. Das unterstützt die Zusammenarbeit und macht den Bauprozess transparenter.“
Die praktischen, täglichen Arbeitsabläufe spiegeln sich in den Rückmeldungen immer wieder wider:
- Georeferenzierte Fotos und digitale Baudokumentation
- Organisations- und Logistikpläne aus dem Büro auf Basis des aktuellen Projektstands
- Schnelle Identifikation von Bauwerken und Leitungen
- Modell- und Planansicht direkt in der Field-App
„Die Baudokumentation wurde einfacher, schneller und transparenter“, sagt Márk Zámbó, Projektleiter bei Colas. „Besonders gut funktioniert das bei linearen Bauwerken.“
„Vor allem für Organisations- und Logistikpläne sowie das Hochladen von Baustellenfotos“, ergänzt Bauleiter István Vas. „Das hat unsere Arbeit deutlich erleichtert.“
Auch im Leitungs- und Erdbau zeigt sich der Nutzen. Norbert Demsa, ebenfalls Bauleiter, betont: „Kollegen konnten Bauwerke und Schächte leichter lokalisieren. Die Dokumentation beim Freilegen von Querleitungen war schneller und einfacher.“
Aus Sicht eines Vermessungs-Nachunternehmers unterstreicht Péter Szántai den Koordinationsvorteil: „Die schnelle Standortzuordnung und der Zugriff auf Pläne für einen bestimmten Bereich reduzieren papierbasierte Abläufe und beschleunigen Entscheidungen.“
Ergebnisse, auf die Colas stolz ist

Infrakit-Karte – Projekt Mercedes Kecskemét, Bildnachweis: Colas
Colas nennt mehrere Projekte, in denen Infrakit-gestützte Arbeitsweisen zu messbaren oder klar erkennbaren Verbesserungen geführt haben:
- Straßensanierungsprojekte: „Wirklich sehr gute Straßenqualität – nachweisbar durch Messungen“, so Dávid Kathy.
- Szeged Science Park: Rund ein Monat Zeitgewinn bei der Fertigstellung des Straßenbaus.
- Budapest-Airport-Projekte: Umsetzung unter verpflichtenden CDE- und modellbasierten Anforderungen.
- Großes Abwasserprojekt über drei Gemeinden und eine Kläranlage: Infrakit half bei Orientierung und Koordination über eine sehr große Projektfläche, auf der klassische papierbasierte Arbeitsweisen an Grenzen stoßen.
- Erweiterung des Mercedes-Werks in Kecskemét: Nach erfolgreicher Umsetzung eines Projekts folgten weitere Aufträge – als Ergebnis überzeugender Ausführungsqualität und Arbeitskultur.
Diese Projekterfolge wurden auch intern genutzt, um den Mehrwert sichtbar zu machen – einschließlich Besuchen regionaler und internationaler Stakeholder.
Digitalisierungsziele: nicht nur schneller, sondern auch besser und menschlicher
Colas betrachtet Optimierung ganzheitlich: Zeit, Kosten, Qualität – und Zufriedenheit der Mitarbeitenden. Denn Überlastung und Frustration sind reale, oft unterschätzte Projektkosten.
„Wir bringen Lösungen in die tägliche Praxis, die Wettbewerbsvorteile schaffen – und zugleich den Einzelnen helfen: weniger Überstunden, ruhigere Abläufe“, sagt Dávid Kathy.
Dieser doppelte Fokus auf Leistung und Arbeitsbedingungen trägt dazu bei, dass Colas intern als Vorreiter gilt.
„Mit viel Einsatz gehören wir inzwischen zu den Top-Performern innerhalb der europäischen Colas-Organisation“, ergänzt Gábor Dankó.
Ausblick: Kompetenzen skalieren statt nur Lizenzen
Der nächste Schritt besteht darin, Fähigkeiten breiter im Unternehmen zu verankern: frühe Anwender sollen zu einer größeren Gruppe fortgeschrittener Nutzer werden – den internen „BIM Pioneers“. Parallel wird das Schulungskonzept zu einem strukturierten, ganzjährigen Programm ausgebaut, um Digitalisierung langfristig und nachhaltig im Unternehmen zu verankern.

Colas- und Infrakit-Workshop zu BIM und Digitalisierung, Bildnachweis: Colas
Aus der Baustellenpraxis betont Dániel Ivády, Polier bei Colas, worauf es in dieser Größenordnung ankommt:Poliere nutzen die App aktiv, teilen visuelle Updates und ermöglichen so eine schnellere Unterstützung durch die Teams im Büro.
Auch die wettbewerbliche Dimension ist Colas klar bewusst:
„Wer seine internen Arbeitsabläufe nicht weiterentwickelt, gerät langfristig in einen kaum noch beherrschbaren Wettbewerbsnachteil“, sagt Dávid Kathy.
Vielen Dank an die Interviewpartner
Kathy Dávid – BIM-Manager bei Colas
Dörgő Dávid – BIM-Koordinator
Szabó Máté – BIM-Koordinator
Zámbó Márk – Projektleiter
Vas István – Bauleiter
Demsa Norbert – Bauleiter
Mózes Tamás – Bauingenieur
Szántai Péter – Vermessungs-Nachunternehmer
Colas Alterra Team
Dankó Gábor – BIM-Koordinator
Ivády Dániel – Polier
Molnár Ferenc – Bauleiter
